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Quatschgeschichten von einem, der glaubt, das Richtige studiert zu haben

16. Mai 2015

„Lern‘ etwas Vernünftiges“, suche Dir einen Beruf mit Zukunft“, „mach‘ etwas, mit dem Du einmal eine Familie ernähren kannst“. Mal ganz abgesehen davon, dass Vernunft stark im Auge des Betrachters liegt, man über die Zukunft erst im Nachhinein urteilen kann (wenn die Zukunft Vergangenheit geworden ist)  und man auch als Auftragskiller nicht schlecht verdient, sind das typische Eltern- (oder auch Älteren) Ratschläge. Sie werden umso vehementer erteilt, je unglücklicher die Ratgeber mit ihrem eigenen Leben sind („du sollst es einmal besser haben). Blinde geben Tipps in Sachen Farbe.

Man muss nicht alt sein, um altklug zu sein

Der aktuellste Beitrag aus der Kategorie Alt-Klug-Scheißerei stammt von dem 24-jährigen Filipp Piatov und wurde in der Welt abgedruckt. Wer das Falsche studiert, wird keinen Job finden, warnt er dort vor allem vor der leichtsinnigen Wahl irgendwelcher Geisteswissenschaften. Es seien fast immer Geisteswissenschaftler, die nach ihrem Studium in Hartz IV landen, gibt er zu wissen vor. Gleichzeitig klagt der Autor über Arroganz, die Geisteswissenschaftler häufig gegenüber Absolventen der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften äußern.
Dazu muss man gar kein Geisteswissenschaftler sein, auch (angehende) Ingenieure oder Naturwissenschaftler können herablassend auf BWL-er und Juristen blicken. Das scheint Herrn Piatov, von dem für Ende des Jahres auch ein ganze Buch droht, entgangen zu sein. Er war wohl zu sehr mit der Pflege seiner eigenen Überheblichkeit beschäftigt, die in der Überschrift seines Artikels gipfelt: Dort maßt er sich ernsthaft der Definitionshoheit über richtige bzw. falsche Studiengänge an. Er selbst hat mit der Wahl der Wirtschaftswissenschaften natürlich richtig entschieden.

Ich begnügte mich ganz bodenständig mit Finanzen, Rechnungswesen und Statistik.

Fein gemacht.

Nicht nur Statistik, auch eine Überdosis Autosuggestion kann die Wahrnehmung vernebeln

Statistiken und Zahlen spiegeln Größenordnungen wieder. Sie helfen, Bedürfnisse hochzurechnen und auf den Arbeitsmarkt zu übertragen. Wir brauchen mehr dies, vor allem mehr das und weniger davon, kommt dann dabei heraus.

Der Arbeitsmarkt besteht aus Menschen. Die kann man nicht beliebig auf dies oder das umprogrammieren. Jeder Mensch hat Talente, Begabungen und Interessen. Wenn er sich davon leiten lässt, ist der erste Schritt in Richtung Erfolg getan. Ein erfülltes Studium sorgt auch für Selbstbewusstsein und dies ist nicht zuletzt für die Psyche wichtig. Unsichere Bewerber scheitern in Vorstellungsgesprächen. Sichere Bewerber weniger. Zu Vorstellungsgesprächen kommt es freilich nur, wenn sich der Bewerber auch mit dem Arbeitsmarkt aktiv befasst hat. In diesem einen Punkt hat Herr Piatov Recht. Die einzelne Person muss von sich auf den Arbeitsmarkt zugehen und selbst Schnittmengen zwischen Markt und den eigenen Kompetenzen ausloten. Ein Quäntchen Glück gehört dazu, aber das Glück ist mit den Tüchtigen.

Aus meiner Beratungspraxis nehme ich wahr, dass Kompetenzen und Tüchtigkeit nicht nach Studiengängen oder Berufsgruppen trennbar sind. Auch Ingenieure kommen mit beruflichen Orientierungsproblemen zu mir, auch Wirtschaftswissenschaftler waren schon darunter, Spezialisten und Führungskräfte. Letztes Jahr erst gab ich einen großen Bewerbungsworkshop, in dem fast nur angehende Geisteswissenschaftler saßen. Interessante Kompetenzen stellte ich fest, die allerdings in den Bewerbungsunterlagen nicht thematisiert wurden. Die Akademiker in spe stapelten tief und versteckten Erfahrungen aus Nebenjobs, Praktika und Ehrenamt. Das Bild hingegen, das Herr Piatov von der Geisteswissenschaft hat, muss das Ergebnis jahrelanger Autosuggestion sein:

Wie viele aus wohlhabenden Familien stammende Studenten ihren von zu Hause gewohnten Lebensstil nach einem geisteswissenschaftlichen Studium halten wollen, ist mir ein Rätsel. Es scheint fast, als würden sie aus patriotischem Antrieb Germanistik, Kultur und Philosophie studieren, um das Ideal des Volkes der Dichter und Denker hochzuhalten.

Was zu hoffen wäre. An Denkern scheint es uns wirklich zu fehlen.

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From → Strategie

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